Zehn: Herbsthäuser

Ich höre nichts. Ich liege im Bett und es ist still. Kein Rumpeln der Nachbarn, kein Trampeln im Treppenhaus, kein Möbelverrücken in der Wohnung über uns, kein Brüllen auf der Straße, kein Autoverkehr, kein Hupen, keine Streitereien vorm Späti, keine Krankenwagen-Sirenen.

Die Stille im neuseeländischen Haus vergrößert jedes Mini-Geräusch in absurde Höhen und lässt mich aufhorchen: Was war das für ein Knistern? Klang das wie ein Huschen? Trippelt da was unterm Dach? Ich bin so stadtversaut, ich fürchte mich vor der Stille.

Letzte Nacht habe ich mit Kind alleine im Haus schlafen müssen und geschlafen habe ich kaum.

Ich war schon vorher so nervös, dass ich beim Nachhausekommen mit vollen Händen, Kind im Arm und Regenschirm, vergaß, den Schlüssel außen abzuziehen. Der steckte da bis zum nächsten Nachmittag. Umgebracht hat uns trotzdem niemand.

Es regnet. Ich bin neidisch auf den kommenden Frühling in Deutschland. Frühling ist doch einfach die schönste Jahreszeit. Dunedin ist nach wie vor kalt wie Dänemark. Es gibt kaum warme Brise.

Wir stehen am Meer und schauen aufs Wasser. Ab hier kommt lange einfach nichts mehr und dann kommt die Antarktis. Ich vermisse einen warmen Windzug im Gesicht. Mildes Wetter. Ich fühle mich nicht, als ob ich Winter übersprungen hätte. Aber vielleicht ist das auch etwas frech zu behaupten, immerhin ist hier alles grün und zumindest meistens über 10 Grad. Ich habe den Föhn (Heat Pump) im Wohnzimmer programmiert, damit ab morgens um sechs warme Luft ins Haus gepustet wird. Dann ist zumindest das Wohnzimmer warm, wenn wir aufstehen. Aber wie wird der Winter? Ich weiß: die Vögel bleiben und die neuseeländischen (nativen) Bäume behalten ihre Blätter. Pluspunkt.

Ich sage jetzt so Sachen wie: Ich muss los, Feuerholz besorgen. Im Supermarkt ist das aber teuer und nur mal für ein schnelles Einheizen zwischendurch. Kitt bringt uns netterweise eine ganze Ladung vorbei. Die stapeln wir an der Hauswand und zwei Tage später kommen Kratzgeräusche aus dem Holzhaufen. Weil das Holz an der Außenwand zu Hemis Zimmer gestapelt ist, werde ich nachts vom Scharren wach. Ich bilde mir ein, dass es eine Igelfamilie ist (nicht unwahrscheinlich), weil ich das am wenigesten schlimm und am meisten süß finde.

Gesehen in Dunedin Library

Ich habe wieder einen Heimwehanfall und es geht mir mittelmäßig. Ich habe nicht mal ein Fahrrad. Tom geht oft raus und trifft Freunde. Ich kann nicht mitgehen, weil wir ein Kind haben. In Berlin war es ausgeglichen, weil wir gleich viel ausgegangen sind. Aber hier habe ich kaum jemanden zum Ausgehen. Ich geh mit meiner Schwiegermutter in die Vorstellung einer Laien-Theatergruppe und mit meiner Schwägerin zum Pink Konzert (!)

Ich werde sauer, wenn Tom zum dritten Mal die Woche ausgehen will.

So waren wir sonst nicht.

Es fehlt die Balance.

Plötzlich fühle ich mich wie die Babysitterin meines eigenen Kindes.

 Zu allem Überfluss bin ich vor zwei Wochen auf einer vierspurigen Straße falsch abgebogen – auf die entgegenkommende Fahrbahnseite. Mit Kind im Auto. Ein paar Tage später noch einmal rechtsherum im Kreisverkehr. Das ist ebenfalls verkehrt herum. Als Mutter eines Kleinkindes bringt mich das an die Grenze des Ertragbaren, weil es sich gefährlich, dumm und unzurechnungsfähig anfühlt. Ich kann nicht mal (mehr) Autofahren.

Ich verbringe viel Zeit auf dem grünen Sofa.

Denke nach über kommen und bleiben und gehen und dass Bis bald eine Ewigkeit bedeuten kann.

Ich fühle mich alleine.

Obwohl meine Familie bei mir ist.

Ich schlafe fast jede Nacht bei Hemi im Bett, weil mir unser Schlafzimmer wie das Zimmer eines Fremden erscheint.

Ich frage mich, ob ich eine depressive Episode habe und warum ich mich fühle, wie ich mich fühle.

Ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, ausgerechnet jetzt True Detective (Night Country) zu gucken.

Ich frage mich, ob ich mich woanders anders fühlen würde.

Ich frage mich, wie sich der kommende Herbst anfühlen wird.

Ich geh mal los, Feuerholz holen.

 

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