Elf: Nagetiere, Polyester und DM-Vermissung

Das Kind wird drei und wir haben Ratten in den Wänden.

Die süße Igelfamilie im Feuerholz war leider ein Trugschluss – tatsächlich knarzt und scharrt und buddelt es unterm Dach und in den Wänden. Am lautesten in Hemis Zimmer auf Kopfhöhe neben dem Bett. Ich habe Angst, dass sich da was durch die Pappwand buddelt und wir transferieren das schlafende Kind jeden Abend gegen neun ins andere Schlafzimmer.

Neuseeländer*innen erzählen mir Geschichten, von Mitbewohner*innen, die Messer nach Ratten werfen, oder Ratten, die durch die Badewanne ins Badezimmer gekommen sind. Finden alle normal. Ich nicht. Ich finde das nicht normal und ich möchte das auch nicht normal finden. Ich möchte ein rattenfreies Haus. Wenn schon, dann möchte ich Igel. Die werden hier aber wegen der Vogelliebhaberei auch verachtet. Man findet Tipps und Tricks zur Igel-Vernichtung. 2050 ist hier alles weg, so der große Vernichtungsplan. Nur die Vögel dürfen bleiben. (“Predator free 2050”).

Spinnen indes sind mittlerweile mein kleinstes Problem.

Wir finden sogar altes Rattengift im Badezimmereinbauschrank. Mir ist schlecht, jede Nacht. Kratzgeräusche in der Wand finden ihren Weg bis in meinen Magen. Ich liege wach. Svana schreibt, dass Ratten niedliche und soziale Tiere sind. Ich stelle mir ihre süßen Ohren vor. Aber das Kratzen in der Wand ist nicht süß. Das Kratzen raubt mir den Schlaf.

Vermieter auf Leiter mit Kopf im Dach

Der immer sehr gutgelaunte Vermieter kommt vorbei und legt Gift aus, das, eine Woche später kaum beachtet wurde. Es wird gescherzt und gelacht in dieser neuseeländischen Alles-kein-Problem Art, aber mir ist nicht nach lachen, mir ist nach einem rattenfreien Zuhause. Dennoch möchte ich keine Tiere vergiften. Zwickmühle.

Wenn man sich so ein neuseeländisches Haus von unten anguckt, ist es kaum verwunderlich, dass da im großen Stil eingezogen wird. Eine Einladung par Excellence ist so ein Haus. Große Erdhaufen findet man im sogenannten Keller, der kein Keller ist, sondern aufgeschüttete Erdhaufen, abgedeckt mit Plane. Guckt man nach oben über dem Kopf, sieht man Holz und ein bisschen Insulation. Alles sehr rudimentär.

Tom im “Keller” auf Ursachenforschung. P.S. So sehen hier fast alle Häuser von unten aus.

Vor ein paar Jahren wurden in Neuseeland Richtlinien für sogenannte „Healthy Homes“ eingeführt, damit man nicht noch den letzten Schrott vermieten kann: Die  Asthma-Quote bei Kindern ist hoch.

Da meine Stimmung im Allgemeinen gerade unübersehbarerweise sehr schlecht ist, geht mir alles auf den Keks. Am meisten die neuseeländische Freundlichkeit. Keiner kann mal sagen: Well, that sucks. Oder i feel you. Oder Shitshow! Alles ist immer nur Ach-das-wird-schon! Und dann wird einem ins Gesicht gestrahlt. Mit nackigen Armen und Gänsehaut. Weil Herbstanfang.

Mein Kind trägt morgens im Kindergarten Fleecejacke und Steppweste drüber. Andere Kinder kommen in T-Shirt und Rock. Bei 6 Grad. Aber die Sonne scheint, also nimmt man das nicht so genau.

Ich finde Ratten eine richtige Shitshow jedenfalls. Was hilft, ist an den Strand fahren. Strand und Meer und salzige Luft atmen und dann immer kurz sehr zufrieden sein.

Ich und Neuseeland, eine einzige Berg- und Talfahrt.

Ich komme mir schon dumm vor, mit der ewigen Beschwererei und befürchte, dass mein Internet-Tagebuch etwas zu persönlich wird. Aber anders kann ich irgendwie nicht. Mir explodieren einfach die Gedanken bei unserem Versuch, einen geeigneten Platz auf dieser Erde zu finden.

Als deutsch-neuseeländische Familie.

Aus der Ferne betrachtet mag das privilegiert und hinreißend klingen, aus der Nähe bringt es viele Komplikationen mit sich. Nicht alles ist einfach Tasche packen und los. Und nur Meer Luft atmen bezahlt keine Miete.

DM Vermissung

Ich habe versucht, dem Kind einen Bademantel zu kaufen. Im ganzen Land gibt es aber nur Polyester Bademäntel, so ganz flauschige, die null Wasser aufsaugen. Ernsthaft, im ganzen Land habe ich es nicht geschafft, einen Baumwoll-Bademantel zu finden. Bei DM habe ich online einen gefunden. Bio-Baumwolle, 22 Euro. Wie gerne würde ich jetzt im überfüllten DM an der Karl-Marx-Straße an der Kasse stehen und DM-Dinge fürs Kind kaufen. DM verkauft nämlich nicht nur Dinge, sondern obendrauf noch ein gutes Gefühl.

Ich sitze in Neuseeland und sehne mich in den DM. Wie sehr habe ich mich in die Natur gesehnt, wenn ich in Neukölln im überfüllten DM gestresst an der der Kasse stand. Habe mir den Strand und das Meer und den Himmel phantasiert. Die Ruhe, die Luft, die Tiere.

Das Meer verkauft einem auch ein gutes Gefühl. Inklusive Baby-Seelöwen, die einen schon auf dem Parkplatz abholen.

Hi!

Well. Man kann anscheinend nicht alles haben.

Ich wünschte, ich könnte ein DM Franchise Unternehmen im Dunedin starten.

Win Win Situation.

Zurück
Zurück

Zwölf: Sommer, Winter, Heizung, Heimat.

Weiter
Weiter

Zehn: Herbsthäuser