Vier: Strände, Spinnen und Bungalows
Weihnachten war am Strand mal richtig was los. So ungefähr 20 Leute verteilt auf einen geschätzt 3 Kilometer langen Strand.
Wieso gehen die Neuseeländer*innen so wenig an den Strand? Because they take it for granted, sagt Steve. Steve ist Toms Papa. Und selten am Strand.
Ungefähr 33 Strände gibt es um uns herum. Ich war bisher an 4 verschiedenen.
Das Kind hat so einen Spaß hier, dass ich Weihnachten angefangen habe zu weinen. Nicht aus Freude, sondern aus Sorge: Ich kann hier nie wieder weg. Aber warum auch? Lebensqualität im Gegensatz zu Neukölln: 12 von 10.
Einsam am Beach.
Dunedin
Dunedin ist kein Dorf. Dunedin ist für deutsche Verhältnisse eine Kleinstadt, für neuseeländische Verhältnisse eine Großstadt. Mit Universität. Und immerhin die zweitgrößte Stadt auf der Südinsel (genannt Te Waipounamu). Auf der gesamten Südinsel leben auf einer Fläche von 150.437 km² nur ca 1 Mio Menschen. Vielleicht ist deshalb niemand am Strand. Platz ohne Ende. Deutschland (genannt Deutschland) hat eine Fläche von 357.592 km². Mit 83 Mio Menschen drin. Ich lebe in einer Stadt am Meer mit kaum Menschen. Es gibt Bars und Restaurants und richtig guten Kaffee. Sogar wenn man ihn an der Tankstelle kauft. Sogar an der Tanke bekommst du einen extrem guten Flat White. Wie ist das möglich?
Möven klauen mein cheese scone
Neuseeland versus being deutsch
Weitere kulturelle Unterschiede: Hauseinrichtungen. Schwer und holzig und dunkel und viel viel Teppich. Bisschen englisch, nehme ich an. Ich weiß nicht warum, aber das vermittelt mir eine Atmospähre von hier wurde schonmal jemand umgebracht. So gar nicht Te Waipounamu, sondern eher so Cold Case. Nicht gemütlich, eher schwer, bisschen depressiv. Draußen regnets. Oft auch Spinnenweben und (relativ) große Spinnen. Die sind hier aber nicht giftig! Wird mir immer versichert. Und dann werden Fotos gezeigt von tellergroßen Spinnen drüben in Australien.
Aktuell regnets aber nicht, sondern die Sonne scheint und ich sitze auf der Veranda meiner Schwiegereltern, trinke einen Gamay Noir (serve chilled) und blicke über die gesamte Stadt bis zum Meer.
Die westdeutsche Einrichtung im „Bungalow“ meiner Eltern, der kein Bungalow war, sondern ein kleines Einfamilienhaus, kam ohne Spinnenweben, war aber ebenfalls verstaubt und nur zum Angucken. Weiße Wand: Nicht dranlehnen. Sofakissen: Nicht drauflegen. Gäste: Bitte aufs Gästeklo! Ich bin ein richtiges Spießerkind. Wahrscheinlich finde ich deshalb alles depressiv und bin jetzt selber Spießerin.
Mit 19 war ich das übrigens nicht. Mit 19 hatte ich eine Wohnung mit Müllzimmer. Ich war einfach zu faul, meinen Müll rauszubringen und hortete einen großen Müllberg in einem leeren Zimmer der Wohnung. Bei Auszug hat der Teppich gelebt. Mittlerweile kann man aus meiner Toilette frühstücken.
Nächster kultureller Unterschied: Freundlichkeit. Ein Land voll freundlicher und tiefenentspannter Menschen. Überall. Im Supermarkt. Im Park. Am Strand. Im Kindergarten. In der angeheirateten Familie. Ich habe noch nicht eine*n unfreundlichen Neuseeländer*in getroffen. Das wertet die Lebensqualität ganz schön auf, wenn man ständig nett behandelt wird.
Podcast Empfehlung
Als ich gestern den Podcast meiner neuen Freundin Jenny gehört habe, die ebenfalls mit einem Neuseeländer verheiratet ist und ein Jahr vor mir aus Berlin in Dunedin angekommen ist, habe ich soviel Lust aufs Auswandern bekommen, dass mir ganz schwindelig wurde. Weil, ich bin ja schon da. Jenny macht es richtig, die hat richtig Bock. Da kann ich mir mit meiner sorgenvollen Mecker-Mentalität mal ne Scheibe von abschneiden. Ist ja eigentlich ziemlich vieles ziemlich geil. Natur, Menschen, Meer, Strand, Tiere. Kind glücklich. Tom glücklich. Und dank ihrer kolonialen goldsuchenden Vorfahren, die irgendwann um 1860 den Absprung aus Europa geschafft haben, dürfen wir jetzt eben hiersein: Aotearoa – land of the long white cloud. Klingt doch vielversprechend.