Sieben: Thank you, driver und Heimweh-Herz

Ich bin auch hier dieselbe. Bestimmt findet eine Verneuseeländerung statt, aber aus meiner Perspektive sehen die Dinge auch von hier aus, wie sie aussehen oder aussahen. Als ich aus unserem Neuköllner Fenster heraus auf andere Dächer blickte und von Menschen hörte, die „auswanderten“ klang das wild und romantisch. Nun bin ich hier und fühle mich null wild oder romantisch. Ich fühle mich wie ich mich fühle. Auch wenn eben spiegelverkehrt. Meistens ist mir jetzt kalt und das Klima ist irgendwie nicht mein Freund. Dafür zeigt die Wetter App immer Eins A Luftqualität und am Meer lässt es sich gut atmen. Ich mag außerdem die Kleinstadt. Es gibt alles gesammelt in der Innenstadt. Ich laufe durch die George Street und weiß, wo es die Dinge gibt, die ich brauche. Ich fahre mit dem Auto hin und zahle 3 Dollar fürs Parken. Ich trinke einen flat white aus einem der unzähligen fancy Cafés. Und während ich das hier schreibe, sehe ich auf den harbour sowie das "richtige Meer“.

Im harbour waren – seit wir hier angekommen sind – schon zweimal Orcas. Stand in der Zeitung. Der Harbour ist sowas wie ein Bodden, weil ein großer Teil Dunedins Halbinsel ist: die Peninsula. Inklusive weltweit einzigartiger Festlandbrutkolonie von Albatrossen. Am Stadtstrand kam letzte Woche ein Pinguin aus der Antarktis vorbei. Stand auch in der Zeitung.

Aber irgendwie fühl ichs nicht

Eine Woche später. Wir sind jetzt in unserem Haus – aber ich fühls nicht. Ich google Tipps gegen Heimweh und höre, dass fast alle Auswander*innen Heimweh-Gefühle kennen. Jenny sagt, es geht auf und ab. Jenny habe ich gestern in der Stadt auf einen Drink getroffen und da gings mir gut. Ich bin mit dem Bus gefahren: Auf dem Hinweg war ich die einzige Person im Bus, der Fahrer hielt ein Schwätzchen mit mir und es lief Jazz. Auf der Rückfahrt war ich ebenfalls die einzige Person im Bus und es lief für mich indisch klingende Musik. Am Schluss ruft man: Thank you, driver! Das machen alle. Alle sagen Danke beim Bus fahren. Das ist doch schon wieder einfach nur nett.

Dinge vor denen ich große Angst hatte: Zahnarztbehandlung im Ausland. Nun habe ich eine Wurzelkanalbehandlung hinter mir und meine Entodontistin heißt Lucy. Ist bei unserem neuen Haus um die Ecke und auch gleich da, wo ich mir gerne einen Kaffee hole, weil das Café eins der wenigen ist, dass nach 15:30 noch auf hat. Nach 15:30 trinkt man in Neuseeland anscheinend keinen Kaffee mehr. Kaffee und Kuchen ist nicht. Kuchen und Snacks isst man eher am Tag. Zum Beispiel Caramel Slices (geil) oder Cheese Scones, warm mit Butter. Dinge werden hier viel und oft in die Mikrowelle gestellt. Gestern in der Bar wurden sogar meine Oliven erhitzt. Fand ich komisch, aber gut.

Cheese scone to go mit Butter

Ich sitze auf unserem neuen Sofa, während ich das hier schreibe. Der Himmel ist rosa Abenddämmerung, das Kind schläft (Tom anscheinend auch) und ich finde es befremdlich, zwei eingerichtete Haushalte am entgegengesetzten Ende der Welt zu haben. In Berlin ist untervermietet. In Berlin kündigt man nicht so schnell eine Wohnung. Vor allem nicht ich.

Der nächste Morgen

Nachdem Tom gestern Abend wieder aufgewacht ist, habe ich ihn angemotzt, dann habe ich angefangen zu weinen. Erst auf dem Klo, heimlich, dann im Wohnzimmer, auf dem neuen Sofa. Rotz und Wasser. So schlimm wie man weint, wenn man eingebrochenes Herz hat. Ich habe aber kein gebrochenes Herz, ich habe ein Heimweh-Herz.

Ich fühls nicht. Habe ich zu Tom gesagt. Ich hatte so einen krassen Heimweh-Anfall, dass ich jetzt, am nächsten Morgen verquollene Augen habe. Die Sonne scheint, das Meer glitzert, die Vögel zwitschern. Ich sollte heute auf jeden Fall einmal ins Wasser. Wäsche hänge ich draußen auf der Leine auf. Wie anders alles ist.

Unsere sehr andere Küche

Gestern Abend war ich nur unglücklich, heute morgen erinnre ich mich, dass ich mich nach Hemis Geburt ähnlich gefühlt habe. Ein Auf und Ab war das. Ich habe so viel geheult, ich war überfordert, ich dachte: Oh Gott, bleibt das jetzt so? Es blieb so und nun ist es das Schönste, was meinem Leben passieren konnte.

So kann es gehen.

Wir werden sehen.

Der nächste Abend

Der Himmel färbt sich wieder rosa. Wir waren im Meer. Ich habe drei schlafende Seelöwen am Strand gesehen. Zum Abendbrot gabs Pasta. Good night, Dunedin.

Kitchen window with a view.

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